Dave Birss über KI, Kontrolle und kreative Verantwortung

Klar, kritisch und mit trockenem Humor – Dave Birss gehört zu den spannendsten Stimmen, wenn es um Kreativität, Technologie und Bildung geht. In unserem Interview spricht er nicht über KI-Hypes oder Tool-Listen, sondern über etwas viel Grundsätzlicheres: Denken, Sprache, Urteilskraft – und unsere Verantwortung als Kreative.

Dave ist kein Alarmist. Aber jemand, der sehr genau hinschaut. Und genau deshalb passt dieses Gespräch so gut zu dem, was wir auf hier vertiefen wollen: ein reflektierter, menschzentrierter Umgang mit KI.

„It’s not intelligent“

warum Worte wichtig sind

Gleich zu Beginn macht Dave eine klare Ansage:

KI ist nicht intelligent.

Punkt. Was Systeme wie ChatGPT tun, ist aus seiner Sicht nichts anderes als Wahrscheinlichkeiten zu berechnen – welches Wort statistisch am ehesten als nächstes folgt. Kein Verstehen, kein Denken, kein Bewusstsein. Der entscheidende Punkt dabei ist nicht technisch, sondern sprachlich.

Denn wenn wir anfangen, Maschinen als „intelligent“ zu bezeichnen, verändern wir unser Verhalten:

  • Wir trauen ihnen mehr zu, als sie leisten können

  • Wir hinterfragen weniger

  • Wir geben Verantwortung ab

Oder, wie Dave es formuliert:

If you get the language wrong, you get the thinking wrong. Sprache formt Denken. Denken formt Handeln. Und genau hier beginnt für ihn die eigentliche Gefahr – nicht in der KI selbst, sondern in unserer Wahrnehmung von ihr.

 

KI ist kein kreativer Akteur – sondern eine Kombinationsmaschine

Ein weiterer zentraler Gedanke im Gespräch: KI ist nicht kreativ. Sie ist kombinatorisch.

Sie erschafft nichts „Neues“ aus sich heraus, sondern setzt vorhandene Muster neu zusammen. Das kann beeindruckend sein, schnell, effizient – aber es bleibt Rekombination.

Echte Kreativität entsteht für Dave woanders:

  • im Brechen von Mustern

  • im Setzen von Bedeutungen

  • im bewussten Entscheiden, was relevant ist – und was nicht

KI kann Vorschläge machen. Aber sie kann keine Werte setzen. Und genau deshalb bleibt der Mensch im kreativen Prozess unverzichtbar.

 

Prompting ist keine Technik – sondern Denken

Einer der stärksten Sätze aus dem Interview: „Prompting is not a technical skill. It’s a thinking skill.“

Ein guter Prompt ist kein Trick und kein Geheimwissen.

Er ist das Ergebnis von Klarheit:

  • Was will ich eigentlich?

  • In welchem Kontext bewege ich mich?

  • Woran erkenne ich ein gutes Ergebnis?

In diesem Sinne wird der Umgang mit KI fast automatisch zu einer Schule der Selbstreflexion. Je klarer dein Denken, desto brauchbarer der Output. Je unschärfer deine Fragen, desto beliebiger die Antworten. Prompting als Kulturtechnik – nicht als Abkürzung.

 

Die Adequacy Trap: Wenn „okay“ gefährlich wird

Ein besonders spannender Teil unseres Gesprächs war die Adequacy Trap – die Falle des „ausreichend Guten“. KI liefert heute in Sekunden Ergebnisse, die okay aussehen. Nicht brillant. Nicht tief. Aber brauchbar.

Das Problem:

Wenn du immer im „okay“-Bereich startest, überspringst du genau jene Lernprozesse, die Exzellenz ermöglichen:

  • Scheitern

  • Feedback

  • Wiederholen

  • Verfeinern

Wir haben dafür im Gespräch ein Bild verwendet, das uns sehr wichtig ist: Der Aufzug und das Stiegenhaus.

KI ist der Aufzug – schnell, bequem, effizient. Aber kreative Muskelkraft baust du nur im Stiegenhaus auf.

Die Lösung ist kein Entweder-oder. Sondern ein bewusstes Sowohl-als-auch.

 

Bildung im KI-Zeitalter: Denken lernen statt Antworten sammeln

Dave wird besonders deutlich, wenn es um Bildung geht. Faktenwissen allein reicht nicht mehr – das ist jederzeit abrufbar.

Was wir brauchen, sind andere Kompetenzen:

  • kritisches Denken

  • Umgang mit Unsicherheit

  • Urteilskraft

  • ethisches Bewusstsein

Oder wie er sagt: We need to teach people how to think, not what to think.

Gerade in einer Welt voller überzeugender KI-Antworten wird die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, zur Schlüsselkompetenz.

 

KI als Dialogpartner – nicht als Ersatz

Trotz aller Kritik ist Dave kein Technikverweigerer. Im Gegenteil: Er sieht enormes Potenzial – wenn wir KI als Gesprächspartner begreifen.

Nicht als Autorität. Nicht als Ersatz. Sondern als Provokation.

KI kann dich in Richtungen schubsen, auf die du selbst nicht gekommen wärst. Aber Kreativität beginnt erst dort, wo du den Output hinterfragst, formst, bewertest. Der Mensch bleibt der Ort, an dem Bedeutung entsteht.

 

Warum dieses Gespräch so gut zu AI-Mindset passt

Das Interview mit Dave Birss bringt vieles auf den Punkt, was uns im Buch und auf dieser Website wichtig ist:

  • KI ist ein Werkzeug – kein Wesen

  • Geschwindigkeit ersetzt keine Tiefe

  • Bequemlichkeit darf kein Ersatz für Lernen werden

  • Kreative Verantwortung bleibt beim Menschen

Oder anders gesagt: Die eigentliche Arbeit beginnt nicht mit dem Prompt – sondern danach.


Und vielleicht nimmst du aus diesem Gespräch vor allem eines mit:

Nicht jede Abkürzung bringt dich wirklich weiter.

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Das Menschliche bleibt der Unterschied – auch in der KI-Ära